Die Mitwelt-Chroniken
All-Age-Fantasy über Freundschaft, Mut und die Macht der Worte.
Für alle Leserinnen und Leser zwischen 12 und 102 Jahren.
Das Vermächtnis der Charoniterin
Melani, Novizin der Charoniterinnen, begibt sich auf eine gefährliche Reise in die Unterwelt, an deren Ende sie ein vollwertiges Mitglied des Ordens und irgendwann sogar die neue Oberin werden soll. Doch dann würden ihr die Schwestern ihre Flügel nehmen, eine Abnormität, die der Orden nicht duldet und die ausgemerzt werden muss …
Neuerscheinung Herbst/Winter 2026
Taschenbuch ISBN: 9783696382810
eBook
Das Vermächtnis der Charoniterin
Kapitel 1
Novizin
Die Sonne versank und die schneebedeckten Spitzen der Karpaten warfen ein ausgefranstes schwarzes Tuch auf die Welt, das sich binnen Minuten über das Schwarze Kloster breitete und alles in samtene Dunkelheit tauchte.
Melani beobachtete wie die letzten Lichttropfen an einer Bergspitze zerplatzten, dann nahm sie die Sonnenbrille ab und verstaute sie in dem Etui, das sie zu ihrem anderen Besitz in ihre Tasche packte: Die dicken Lederhandschuhe, die die Unterarme bis zu den Ellenbogen bedeckten, die Maske, durch die man kaum etwas sehen, geschweige denn richtig atmen konnte. Melani hasste es, die Maske tragen zu müssen, aber wenn sie erst ihren Kahn durch die heißen Fließe steuerte, würde sie dankbar sein für den Schutz, den ihr die Maske bot. Das waren die Worte der Mutter Superioara. Melani hörte die Stimme der obersten Mutter in ihrem Kopf und senkte unwillkürlich den Blick auf ihre Fußspitzen.
Eine der Schwestern läutete die Glocke, es wurde Zeit, dass sie sich anzog und vorbereitete. Sie streifte das kurze Schlafshirt ab und warf es in die Zimmerecke, dehnte und streckte sich, bis ihre Wirbel ein zufriedenes Knacken von sich gaben. Der Mond stand mittlerweile hoch über den Wipfeln des uralten Buchenwaldes, der bis an die westlichen Klostermauern reichte. Als Kind hatte sie sich vor dem Flüstern der Bäume gefürchtet, vor ihren Geschichten, ihrem Lachen, das schon damals alt und brüchig klang, und den langfingrigen Zweigen, die ihr in die Haare griffen, wenn sie nicht achtgab. Melani lächelte. Das war, bevor der Wald ihr Freund wurde, und schien hundert Jahre her zu sein. In der Zeitrechnung der Menschen war es das wahrscheinlich auch.
Sie griff nach der Schere auf dem Tisch, trat vor den großen Spiegel und sah sich selbst in die Augen, die wie feuchter Teer im Mondlicht schimmerten. "Ich bin Melani, Novizin der Charoniterinnen", sagte sie, "jüngste Tochter der Maicuta Superioara, direkte Nachfahrin des ersten Fährmanns, Dienerin der Dunkelheit, des Feuers und des Pan." Langsam hob sie die Schere und schnitt die erste Strähne ab, dann die nächste. Dunkelbraune Locken fielen zu Boden, bedeckten ihre Schultern, fingen ihre Tränen auf und betten sie in weiche Wellen.
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Sie hasste es zu weinen. Charoniterinnen weinten nicht, sie ertrugen Glut und unvorstellbare Hitze und machten ganz sicher kein Aufhebens um ein paar Haare, die bei ihren Aufgaben nur stören würden und meist sowieso verbrannten. Sie fuhr mit der Hand über die unregelmäßigen kurzen Stoppeln, kniff die Augen ein wenig zusammen und hob würdevoll den Kopf, bis sie den typischen Ausdruck der Charoniterinnen erkannte - eine Mischung aus Schmerz und Stolz, der auf Fremde oft arrogant, manchmal angsteinflößend wirkte.
Sie schüttelte den Kopf, wischte Haare von ihren Schultern und zupfte die restlichen Strähnen von den Flügeln auf ihrem Rücken. Klein waren sie, von einem durchscheinenden Graubraun wie die Flügel eines Nachtfalters, aber keineswegs so fragil, sie hatten schon einiges aushalten müssen. Kinder können grausam sein, gemein und brutal. Aber Worte und verächtliche Blicke schmerzten weit mehr. "Anders zu sein ist kein Privileg, Großvater Baum", sagte sie. Sie trat ans Fenster, sog die klare Nachtluft tief in die Lungen und blickte dem Buchenwald direkt ins Herz. "Du wirst mir fehlen."
Zuerst streifte sie das enge Unterhemd über, achtete hierbei penibel darauf, dass die Flügel sich fest an den Körper schmiegten und keine Wölbung zu sehen war. Eingeschnürt in uralten Ordensregeln, musste sie diesen Teil ihrer selbst verleugnen. Ein schmerzhaftes Gefühl.
Wie mochte sich ein Hase fühlen, dem man die Ohren nahm, eine Schnecke, der man die Fühler amputierte? Wütend gab sie den schweren Stiefeln, die sie gestern achtlos abgeworfen hatte, einen Tritt und fluchte unterdrückt, während sie sich den pochenden Zeh rieb. Die Welt war ungerecht.
Sie hörte Schritte auf dem Gang und beeilte sich, hoffentlich war sie nicht schon wieder zu spät dran, ausgerechnet heute. Schnell zog sie die engen Hosen an, schnürte die kratzige weite Bluse mit dem Gürtel darüber und schlüpfte in die schweren Stiefel mit den dicken Sohlen, zuletzt griff sie sich Mantel und Tasche und lief zur Tür ihrer Zelle. Im letzten Moment hielt sie inne, schloss die Augen, rief ihren Zorn und die Angst zur Ruhe und steckte sie in den Beutel in ihrem Geist, in dem sie unerwünschte Gefühle verwahrte.
Heute um Mitternacht endete offiziell ihre Kindheit und sie begann das Noviziat, aber erwachsen geworden war sie schon vor langer Zeit, als sie diesen Beutel in ihrem Geist geknüpft und erkannt hatte, dass ihr nur weh getan werden konnte, wenn sie es zuließ.
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Die Hüterin der verlorenen Bücher
Tilda, die Hüterin der Geschichten, segelt im Bauch eines Blauwals über das Meer, um die letzten Bücher der Welt zu retten, doch als die Unterwelt nach oben drängt, liegt das Schicksal aller in ihren Händen. Nur das Weltenbuch kann die Realität zu einem Happy End umschreiben. Aber wer bestimmt, welche Geschichte die richtige ist?
Neuerscheinung Frühling 2027
Taschenbuch ISBN: 9798198273245
eBook
Die Hüterin der verlorenen Bücher
Kapitel 1
Ornithera
Die Ruine zeichnete sich dunkel wie ein Scherenschnitt gegen das Licht der aufgehenden Sonne ab.
Tilda warf einen Blick auf die Landkarte. Merkwürdig. Schöpfer Ito war sehr gewissenhaft gewesen, aber bei den Entfernungen hatte er sich gehörig vertan. Sie zuckte die Schultern. Um so besser. Je früher sie die Universität erreichten, desto schneller würden sie neue Bücher finden. Wenn das Glück ihnen gewogen war.
Kai maß die Entfernung auf der Karte mit dem Finger nach, danach hielt er den Daumen hoch, kniff ein Auge zusammen und maß offenbar die reale Entfernung zur Universitäts-Ruine. "Das ist nicht korrekt. Die tatsächliche Entfernung beträgt gerade zwei Drittel der eingezeichneten Entfernung."
"Schöpfer Ito muss einen Fehler gemacht haben."
Kai schüttelte energisch den Kopf. "Schöpfer Ito macht keine Fehler."
"Dann muss die Insel wohl einen Fehler gemacht haben." Sie kicherte, doch Kai nickte ernst. "Wenn man alle unmöglichen Theorien ausgeschlossen hat", sagte er, "bleibt die Wahrheit übrig."
"Und die lautet: Die Entfernungen der Insel sind falsch?"
Nach einem Schulterzucken ging er weiter und Tilda folgte ihm durch einen Kiefernwald. Die alten Bäume hatten den Weg mit einer dicken Nadelschicht bedeckt, die jeden Schritt abfederte. Fast bekam sie Lust zu tanzen. Doch bald schon wurde das Gelände steiler und felsiger und Tilda musste achtgeben, dass sie auf dem Geröll nicht den Halt verlor. Der Pfad wand sich in Serpentinen nach oben, die Kurven wurden von eingestürzten Stützmauern flankiert. In den Mauerspalten hatten sich Fenchel- und Thymianpolster ausgebreitet, die einen aromatischen Duft verströmten, wenn Tilda sie streifte.
Kai ging mit großen Schritten voran, das Geröll knirschte unter seinen Sohlen. Insekten surrten, der Wind spielte mit Tildas Zopf. Ihr Herz schlug schnell, doch nicht nur wegen der Anstrengung.
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Sie bogen um eine weitere Kurve und der Weg verengte sich, die Vegetation wurde spärlicher. Vor vielen hundert Jahren war der Pfad direkt in den Fels gehauen worden - vielleicht von den Studierenden selbst. Die Zeit, der Regen und die Schritte unzähliger Füße hatten ihn glatt und rutschig werden lassen. Zwischen den abgetretenen Steinplatten erschwerten nun auch lose Steinsplitter den Aufstieg.
Kai wartete auf sie, reichte ihr die Hand und half ihr über mehrere große Felsbrocken hinauf auf ein kleines Plateau, wo sie verschnaufen konnte. Tilda ließ sich in ein Thymiankissen fallen und schloss einen Moment die Augen. Es roch nach feuchtem Stein und altem Papier.
Auf den Mauerkanten über ihnen saßen Vögel. Der Wind fuhr durch ihr dunkles Gefieder, was ein weiches Sirren verursachte, die petrolfarbenen Brustfedern glänzten irisierend in der Sonne. Ein fremder, doch wunderschöner Anblick. "Keh-raa? Keh-raa-looor!" Ihre Rufe klangen fast wie eine menschliche Sprache.
"Lass uns weitergehen." Sie nahm Kais Hand und gemeinsam traten sie durch den nur noch halb vorhandenen Steinbogen. Myrte und kleine Felsfarne schmiegten sich in die Fugen. Ein kühler Atemzug aus den Tiefen der Ruine streifte die nackte Haut an Tildas Armen. Der Geruch nach Feuchtigkeit und altem Papier verstärkte sich.
Tilda fühlte sich, als träte sie durch ein Portal, das in eine andere, lange vergessene Welt führte. Und genau das war das Universitätsgelände schließlich auch. Wahrscheinlich hatte seit dem Großen Sturm keine Menschenseele mehr ihren Fuß auf diese Insel gesetzt. Kein Wunder, dass die Vögel sie misstrauisch beäugten. "Keine Angst", sagte Tilda. "Wir werden euch nichts tun."
Einer der Vögel antwortete mit einem dumpfen: "Loor-raaa!"
Direkt vor ihnen öffnete sich ein rechteckiger Raum, dessen Dach fast komplett eingestürzt war, Moos und Felsgräser hatten die abgetretenen Steinplatten überwuchert. Zu ihrer linken Seite befand sich eine eingestürzte Treppe, die einst ins Obergeschoss geführt hatte, doch nur noch aus drei Stufen bestand, der Rest der Treppe ragte wie ein Pfeil nach oben. Aus einem Gang zu ihrer Rechten kam der Geruch nach altem Papier.
Tilda schluckte hart. "Das ist dann wohl unser Weg."
Kai schnallte die Riemen des Rucksacks fester und übernahm wieder die Führung.
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